24 Kinder und zwei Naturwesen

Schreibwerkstatt & Kindertheater in der Volksschule Köstenberg

Erinnerst du dich daran, wie in deinem Leben als Kind der umgedrehte Tisch zum Boot wurde, das in Seenot geriet? Oder hast du davon geträumt, gemeinsam mit Hanni und Nanni Streiche auszuhecken und die Erzieherinnen zur Weißglut zu bringen?

Oops, we did it again! Wir Erwachsenen schaffen Räume für Kinder, um ihre Kreativität auszuleben und in Rollen zu schlüpfen. "Ich kann das nicht!" wird im Lauf von acht Vormittagen über Bord geschmissen. Und zu Rollen umfunktioniert, die Lady Lydia, Herr Moos oder Fuchs im Schmarotzwald heißen.

Doch eines nach dem anderen.

Die Einladung: Theaterprojekt & Schreibwerkstatt an der VS Köstenberg

Dieses Mal klappt die Co-Finanzierung unseres eingereichten Schreibwerkstätten- und Kindertheater-Projektes "Gemeinsam sind wir stark!" an der Volksschule Köstenberg in Kärnten sofort.

Darum soll es jetzt gehen: Die Kinder da oben in Köstenberg! Sie sind stolz auf ihren schönen Wald, sprechen beim Arzt slowenisch und sind insgesamt anders. Die Kinder da unten am Wörthersee sind eingebildet, reich und wollen jeden Tag baden gehen und Eis essen. Wie blöd die jeweils anderen doch sind! Da ist es kein Wunder, dass es zwischen den Wald- und den Wasserwesen nur Unfrieden gibt. Und dann hat der Waldgeist vom Schwarzen Schloss genug davon, sich um den Wald zu kümmern. Er will mit allen Waldwesen für immer hinunter an den See ziehen. Das gefällt den Seewesen überhaupt nicht. Der See ist doch jetzt schon voll bewohnt! Ob die Kinder den Naturwesen helfen können, wieder gut miteinander auszukommen?

Die Vorbereitung: meine Vorzeigefiguren entstehen

Einer meiner höchsten Businesswerte ist Professionalität. Das gilt für die Arbeit mit allen Menschen. Selbstverständlich auch mit kleinen und jungen. Künstlerische Ideen in meinem Kopf werden Wochen vorher ausprobiert und auf Tauglichkeit überprüft. Gemeinsam mit einer jungen Helferin forme ich die ersten beiden Köpfe aus Paperclay für das Kindertheaterstück. Das Waldwesen Herr Moos und das Wasserwesen Lady Lydia entstehen.

  • Formen.

  • Trocknen.

  • Weiterformen.

  • Trocknen.

  • Weiterformen.

  • Trocknen.

  • Mit gefärbtem Gesso grundieren.

  • Trocknen.

  • Augen malen.

  • Haare entwickeln.

  • Den Stoffkörper nähen und befestigen.

  • Auf Funktionalität überprüfen.

Augen- und Ohrenzeugen für die Region Köstenberg

Ich stelle mir vor, dass es für Kinder im zweisprachigen Gebiet (Deutsch und Slowenisch) interessant sein könnte, Ernst Dragaschnig kennenzulernen. Er ist der langjährige Leiter des "Museum für Alltagsgeschichte Köstenberg/Kostanje".

Er nimmt sich die Zeit und erzählt den Kindern bereitwillig wahre Geschichten über die slowenische Kultur und Sprache. Wir fragen nach, warum Kinder in Slowenien im Wald dazu angehalten werden, am Fahrrad die Glocke zu läuten. Die Kinder staunen, dass es in Slowenien tatsächlich Bären gibt, die durch Lärm abgeschreckt werden. Wir hören vom stürmischen Märzentule, vom mütterlichen Tscherfeltaxi und den herunterfallenden Tschurtschen im Wald. Die Kinder sind sich irgendwann einig, dass Slowenisch oder Deutsch eigentlich Familiensprache und nicht Muttersprache heißen sollte.

Ernst vom Museum, die Kinder und viele Fragen zu Gerüchten: Zeitzeugen im Unterricht

Als wir über Vorurteile reden, stellen wir fest, dass der Name Köstenberg nicht von der slowenischen Koztanj/Kastanie abstammen kann. Erstens gibt es in ganz Köstenberg vielleicht drei dieser Bäume. Zweitens sind die paar Bäume maximal 30-40 Jahre alt, der Name Köstenberg stammt aber aus dem 17. Jahrhundert. Viel eher geht es ursprünglich um das Wort "Gozd". Und das bedeutet Wald. Köstenberg war immer schon zweisprachig. Also geht es im Ortsnamen eher darum, dass Köstenberg ein Wald am Berg ist. So schnell kann es gehen mit den Gerüchten!

Auch das Gerücht, dass Ernst, der Vortragende, nicht mehr lange im Museum arbeiten und deshalb das Museum demnächst zusperren wird, können wir entlarven. Für die Nachfolge ist bereits bestens gesorgt. Die Kinder versprechen, den Direktor bald wieder zu besuchen.

Zum ersten Mal hören die Kinder von mir den Anfang der möglichen Geschichte, die sie weiterentwickeln werden. Die beiden Handpuppen werden respektvoll bestaunt und staunend akzeptiert. Es ist schnell spürbar, dass wir auf einer interessanten Fährte sind.

Ernst vom Heimatmuseum im Sesselkreis mit Volksschulkindern beim Schulprojekt zu Regionalgeschichte und Zweisprachigkeit

Viele, viele Fragen entstehen. Die Zweisprachigkeit in der Region ist für die Kinder kein großes Thema. Denn Deutsch und Slowenisch sind ihre Familiensprache, es gibt einen slowenischen Pädagogen und die zweite Sprache ist bei einigen Kindern daheim ganz lebendig.

Der schöne Schmarotzwald und sein Förster

Beim nächsten Treffen wandern wir in den Wald. Theo Hippel, der hiesige Förster, lädt die neugierigen Kinder der beiden Klassen in seinen wunderbaren Naturwald ein. Einen Vormittag lang erklärt er ihnen, wie abgeholzt und tot der Wald war, als sein Großvater ihn übernahm. Während vieler Jahrzehnte durften Bäume und Sträucher wieder wachsen. Hier wollen wir auch mehr zum Schwarzen Schloss erfahren, dessen verfallende Ruinen die Fantasie vieler Menschen anregt. Schon im Wald wird sonnenklar, dass unsere eigene Geschichte einen Förster, Ritter, Räuber und Diebe haben muss. Bei Lagerfeuer, Stockbrot und Grillwürstel verarbeiten die Kinder bereits den aufregenden Waldtag. Die Geschichten beginnen sich in ihren Köpfen zu formen.

Förster erzählt Volksschulkindern bei einer Wald-Exkursion in Köstenberg von Tierspuren und dem Schwarzen Schloss.

Dem Naturraum und dem Schwarzen Schloss auf der Spur: So sammeln Kinder bei der Wald-Exkursion mit dem Förster Inspiration für Rollenspiel, Naturwesen und Geschichten.

Mit einem iPhone voll aufgeregter Sprachaufnahmen kehre ich heim und transkribiere die mir erzählten Szenen, Geschichte für Geschichte, in den Computer. Nun beginnt sich der rote Geschichtsfaden zu entrollen.

Der Klassenlehrer als Pilzprinzessin: Spontanes Rollenspiel & Vertrauen im Unterricht

Ab nun wird jeden einzelnen Vormittag fleißigst gearbeitet. Ich führe Jeux Dramatiques ein, um den Kindern gleich zu Beginn jede Bühnenangst zu nehmen. Mit einem Koffer voller Tücher bereiten sie die ersten Standorte des entstehenden Stückes vor. Der Wörthersee bekommt sogar einen Wasserfall, hört hört!

Wir sehen:

  • den Schmarotzwald

  • das schwarze Schloss und die Höhle von Herrn Moos

  • den Wasserfall mit der Oberdorfer Kirche

  • den Wörthersee (mit einem weiteren Wasserfall)

Klassenlehrer mit rosa Pilzhut auf dem Kopf reicht einer Volksschülerin mit blauer Perücke im Rollenspiel die Hand.

Spontaneität im Schulprojekt: Wenn der Klassenlehrer als Pilzprinzessin einspringt, zeigt sich die Magie von Improvisationstheater an Volksschulen.

Die Kinder entdecken ihre Kreativität: Vom Rollenspiel zum Theaterstück

Im Laufe der theaterpädagogischen Arbeit kommen ein Biberbau, ein Eichhörnchenkobel, die Höhle des freundichen Pumas und ein Käfig für einen pinken Papagei dazu. Schon nach wenigen Durchgängen wird klar, dass die Kinder nicht in Gestik und Mimik bleiben werden, sondern sprechen wollen. Also probieren wir auch das aus. Mit Feuereifer zeichnen und schreiben die Kinder ihre Ideen in der Schreibwerkstatt unseres Projektes auf. Ich lese die von den Kindern entwickelten Geschichten vor. Unermüdlich. Die ersten Mutigen beginnen, die gespielten Szenen zu sprechen und zu spielen. "Jeux Dramatiques" hat uns gut gedient. Jetzt kommen wir so richtig ins freie Theaterspiel. Erlebnisse wie diese stärken das Klassenklima und das Selbstbewusstsein jedes Einzelnen.

Volksschulkind als schwarzer Ritter mit gelbem Tuch und Augenmaske beim Rollenspiel im selbstgebauten Bühnenschloss im Klassenzimmer

Vom Klassenzimmer zur Schwarzen Burg: Wie Kinder mit einfachen Tüchern, Stühlen und Tischen Requisiten bauen und im Rollenspiel Phantasie und Selbstbewusstsein entfalten.

Ich bleibe in der Rolle der Erzählerin, die einspringt, wenn es mal nicht weiter geht. Das gibt den Kindern Sicherheit. Am vorletzten gemeinsamen Tag wird klar - die Texte sitzen! Neue interessante Wendungen kommen dazu, weil die Kinder mitfühlen und mitdenken.

Wir arbeiten nun mit Methoden aus dem Kindertheater an der Stimme und an der Haltung. Die Kinder lernen, dass es ein Publikum geben wird. Ob es eine gute Idee ist, den zuschauenden Gästen den Rücken zuzudrehen? Step by step entwickelt sich vor den Augen der erwachsenen Begleiter ein tolles Theaterstück mit den wahnwitzigsten Szenen. Einige Kinder saugen Tipps auf wie Schwämme. Andere wollen im letzten Moment ihre Rolle anders ausbauen. Es ist herausfordernd und ein Vergnügen, abzuwarten, was geschieht. So wenig als möglich einzugreifen, auch wenn das uns manchmal wirklich schwer auszuhalten ist.

Zeit und Geduld: Paperclay-Köpfe modellieren & trocknen lassen

Der halbe Vormittag gehört immer dem Theaterspiel. In der anderen Hälfte bauen die Kinder aus alten Zeitungen, Paperclay, Wasser und viel Fantasie jene Köpfe der Protagonisten, mit denen sie sich am meisten anfreunden. Auch hier lernen sie, dass Kunst und Handwerk Zeit und Geduld braucht. Die Köpfe müssen mehrmals trocknen, bevor sie weiter geformt und bemalt und mit Haaren versehen werden. Ich nähe die Körper aus Musterstoffen vor. In einem Kraftakt - Neun- und Zehnjährige ächzen und schwitzen, als sie Nadel und Faden anwenden müssen - werden alle Körper mit Köpfen verbunden. Wir staunen gemeinsam, wie toll diese so lange trocknenden Köpfe mit Körpern aussehen.

Volksschulkinder beim Modellieren von Paperclay-Köpfen auf Holzstäben im kreativen Schulprojekt

Figurenbau an Volksschulen: Wie Kinder aus Paperclay individuelle Figurenköpfe modellieren und durch geduldiges Gestalten Feingefühl entwickeln.

Ein wochenlanger Theaterprozess an der Schule geht zu Ende

Wenn ich hier sitze und dir beschreibe, wie sich dieses Theaterstück entwickelte, bin ich noch ein bisschen knieweich. Die Kinder haben ihre Eltern eingeladen, um ihnen das selbst ausgedachte Stück vorzuspielen. Co-Finanzierer, die diese Arbeit wirtschaftlich unterstützen, haben ihre Teilnahme an der Abschlusspräsentation zugesagt.

Danke an dieser Stelle an den Oead, der solche Kunstprojekte in Schulen mitfinanziert.

Eine Seite des Turnsaales wird eine Bühne aus Tüchern, Turngeräten und Kinderfantasie. Es gibt viele Diskussionen, was an die Wand, was an den Boden soll. Wie schon im Spiel der letzten Wochen sind selbst gebaute Schutzräume aus Hockern, Tüchern und Wäscheklammern heiß begehrt, in denen sich Menschen und Tiere und Wesen häuslich niederlassen.

Volksschulkinder beim Figurentheater und freien Spiel mit Stoffen und handgemachten Figuren im Klassenzimmer

Spielen, ausprobieren, in Rollen schlüpfen: Das Freie Spiel und Figurentheater im Schulprojekt stärkt die körpersprachliche Ausdruckskraft der Kinder.

Einige Kinder aus dem vergangen Schuljahr sind zum zweiten Mal dabei, als es um das Entwickeln von Erzählungen und die dramaturgische Bearbeitung und Umsetzung geht. Wir sind wieder einmal sprachlos, welche Sieben-Meilen-Schritte Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung innerhalb weniger Wochen hinlegen. Gib ihnen Raum für Kreativität, Selbstbestimmtheit und Spiel, und du erfährst, wer sie wirklich sind! Wenn es nach mir ginge, sollte Theaterspiel an Schulen ein fixer Bestandteil sein. Halte uns die Daumen, dass die Eltern am Abend sehen, wozu diese jungen Menschen fähig sind!

Ist es André Stern, der postuliert, Kinder sind Riesen? Ich gebe ihm wieder einmal recht!

Hast du Erinnerungen in deiner Kindheit an angeleitetes, spontanes oder freies Theaterspiel? Ich freue mich darüber, wenn du mir davon erzählst!

Möchtest du ein ähnliches Theater- oder Schreibprojekt an deiner Schule umsetzen?

Erfahre mehr über geförderte Schulprojekte, Theaterworkshops und die Antragstellung über den OeAD auf meiner Übersichtsseite.

Zurück
Zurück

Pinsel Pensionistas

Weiter
Weiter

Köstenberg und seine Kinder