Marina und die Gezeiten
Marina sitzt frühmorgens am Küchentisch. Den Blumenstrauß mit den dunkelrosa Pfingstrosen hat sie gestern nach dem Regen gepflückt und in die Glasvase gestellt. Wie sie duften! In der Wohnung ist es noch still. Die Uhr tickt. Vor ihr steht eine Glaskaraffe mit Wasser. Sie holt sich eine Zitrone aus dem Obstkorb, nimmt das Messer und schneidet sie in der Mitte durch. Zitronenwasser in der Früh tut ihr gut. Sie zerdrückt eine Spalte und beobachtet, wie die kleinen Fasern und Kerne im Wasser auf- und absinken.
Pfingstrosen, vom Regen benetzt und nicht ganz geöffnet. Riechen schon beim Anschauen umwerfend.
Ebbe und Flut im Glas. „Unsere Gefühle sind Wegweiser für uns“, sagt sie oft zu ihren Klientinnen. „Wenn wir diese Gezeiten in uns schwingen lassen, ihnen aufmerksam zuhöre und sie ernst nehmen, können wir ihre Weisheit nutzen.“
Marina ist Coachin. Und Seelentrösterin für Menschen um die Fünfzig, die sich fragen: War das jetzt alles – oder kommt da noch was?
In ihrem Praxisraum erzählen ihr Frauen von Ehen, die müde geworden sind, von Pflichten, von verlorenen Träumen. Marina hört zu, stellt Fragen, bringt etwas in Bewegung.
Für andere kann sie das gut. Und für sich selbst? Da übt sie noch. Sie ist verheiratet, die Kinder sind aus dem Haus und führen ihr eigenes Leben. Ihr Mann ist verlässlich, freundlich und zuverlässig. Und am liebsten daheim.
„Wir haben es doch schön“, sagt er abends auf dem Sofa. Und ja, sie haben es schön. Auch die Arthouse Filme sind schön, die sie sich gemeinsam aussuchen. Oder die spannenden Dokumentationen über den Zustand der Welt. Von anderen Ländern und anderen Kulturen.
Marina träumt davon, selbst dort zu sein, wenn sie Dokumentationen über fremde Kontinente sieht.
Doch immer öfter spürt Marina, wie es in ihrem Bauch grummelt. Wie sie an diesen gemütlichen Filmabenden unruhig wird.
Vor ihrer Ehe ist Marina ein Jahr lang mit einem alten Camper durch Neuseeland gereist. Sie hat Äpfel geerntet, auf klapprigen Matratzen geschlafen und morgens nicht gewusst, an welchem Strand sie abends landen würde. Damals war sie Anfang zwanzig. Ihr Mut und ihre Lebendigkeit waren grenzenlos.
Heute braucht sie ein gutes Bett, eine warme Dusche, ein bisschen Komfort. Aber die Sehnsucht nach dem Unterwegssein ist geblieben. Sie spürt sie wie das Ziehen einer leichten Welle, die an ihr inneres Ufer brandet und sie mitnehmen will.
Marina träumt von Meereswellen, Salzgeruch und Muscheln am Strand.
Sie holt ihr Journalingbook und schreibt mit der rechten Hand drei Fragen auf, hinter denen sie Raum zum Antworten lässt:
Was zieht mich weg?
Was hält mich fest?
Was verhindert, dass ich in Bewegung komme?
Ihre linke, ungeübte Hand antwortet wie immer klar und eindeutig:
Ich will verreisen.
Meine Klientinnen brauchen mich.
Mein Mann wird mich verlassen und ich stehe als alte Frau alleine da.
Sie schaut auf ihre hingekrakelten Worte und erkennt: „Meine Angst will mich schützen. Vor Überforderung. Vor Schuldgefühlen. Vor der Angst, ihm weh tun. „Danke“, sagt sie leise. „Aber ich darf trotzdem einen kleinen Schritt wagen.“
Sie schreibt weiter. „Ich will reisen, solange ich noch so gesund bin. Nicht, um davonzulaufen, sondern um lebendig zu sein. Wenigstens drei Monate, um es auszuprobieren. Ich kann meine Arbeit mitnehmen. Online. Und mein Mann oder die Kinder könnten ja mit dem Flieger nachkommen und mich besuchen.
Am Abend setzt sie sich zu ihrem Liebsten. Kein Vorwurf, nur Wahrheit.
„Du“, sagt sie, „ich merke, dass ich wieder unterwegs sein möchte. Nicht ständig. Aber mehr als jetzt. Ich will ausprobieren, ob ich drei Monate alleine fahren kann. In einem kleinen, gemütlichen Camper. Tagsüber online arbeiten, abends ans Wasser gehen.“
Es ist kein leichtes Gespräch. Manches bleibt offen. Aber etwas in ihr wird klar: sie wartet nicht mehr darauf, dass jemand sie freigibt. Sie gibt sich selbst die Erlaubnis.
Weite. Raum. Möwengekreische und diese Luft!
Zwei Monate später sitzt Marina tatsächlich in einem kleinen Camper mit Blick auf die südliche Adria. Nicht Neuseeland. Aber genug Weite. Am Vormittag begleitet sie einige ihrer Klientinnen online. Nachmittags läuft sie am Ufer entlang und lernt bei ihren Spaziergängen andere Vanfahrerinnen kennen, die ebenfalls allein oder sogar mit ihren Familien unterwegs sind. Ihr Mann ist ihr nicht nachgereist, aber sie telefonieren regelmäßig und tauschen sich über ihre Computer aus. Diese Gespräche haben mehr Nähe und Interesse aneinander als die jahrelangen Film-Abende vorher.
An diesem Abend schlägt sie ihr Notizbuch noch einmal auf und schreibt:
Ich bin keine Marina mit zwanzig Jahren. Ich erfinde eine neue Art von Unterwegssein, die jetzt zu mir passt. Meine Gefühle sind meine lebendigen Wegweiser für meine inneren Gezeiten. Ich nehme sie ernst. Ich höre ihnen zu. Ich folge ihnen in kleinen, mutigen Schritten.
